Von Roland Lindner und Henning Peitsmeier

Nach Darstellung der Vorstandschefs sind in Amerika 3 Millionen Arbeitsplätze durch die schlechte Lage der Autoindustrie bedroht
20. November 2008 Die kriselnde amerikanische Autoindustrie kann wegen politischer Streitigkeiten in Washington nicht auf schnelle staatliche Finanzhilfen hoffen. Wie der Fernsehsender CNN am Mittwochabend (Ortszeit) berichtete, sagten die Demokraten im Senat eine für diesen Donnerstag geplante Probeabstimmung über ein Hilfspaket in Höhe von 25 Milliarden Dollar ab. Es gebe keine Mehrheit für den Antrag, hieß es zur Begründung.
Die Chefs der drei großen amerikanischen Autobauer hatten zuvor bei Anhörungen im Kongress vor einem Kollaps der Autoindustrie gewarnt. Die schwer angeschlagene Branche hat in ihrem Ringen um ein staatliches Hilfspaket jedoch gewaltige Hürden zu überwinden: In den Anhörungen vor Ausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses am Dienstag und am Mittwoch warben die Vorstandsvorsitzenden von General Motors, Ford und Chrysler für staatliche Notkredite in Höhe von 25 Milliarden Dollar und malten düstere Szenarien für den Fall auf, dass einer oder mehrere Hersteller in die Insolvenz stürzen. Viele Abgeordnete zeigten sich aber mit Blick auf eine solche Rettungsaktion kritisch und warfen den Herstellern eigene Versäumnisse vor.
Es sieht nicht gut aus
Ich würde nicht sagen, dass es vorbei ist. Ich führe noch Gespräche. Aber es sieht nicht gut aus, sagte der republikanische Senator Robert Bennett. Der Vorsitzende des Bankenausschusses des Senats, Christopher Dodd, sagte, die Chancen auf eine Kompromisslösung seien gering.
Die Aktienkurse der Autohersteller setzten am Mittwoch ihre Talfahrt fort. General Motors musste bis zum Handelsschluss in New York ein Minus von 10 Prozent auf 2,60 Dollar hinnehmen, der Aktienkurs von Ford rutschte um 25 Prozent auf unter 1,30 Dollar.
Eine existenzbedrohende Krise
Alle drei amerikanischen Autohersteller stecken derzeit in einer existenzbedrohenden Krise. Die Liquiditätsdecke von General Motors, Ford und Chrysler schrumpft in rasantem Tempo. Der Chrysler-Vorstandsvorsitzende Bob Nardelli sagte in der Anhörung, ohne eine sofortige Hilfe des Staates würden die liquiden Mittel seines Unternehmens unter ein Mindestmaß fallen, um die Geschäfte noch fortführen zu können.
General Motors hat eine ähnliche Warnung schon kürzlich bei der Vorlage seiner Quartalszahlen ausgesprochen. Rick Wagoner, der Vorstandsvorsitzende von General Motors, sagte in Washington, der Zusammenbruch der amerikanischen Autoindustrie würde zu einem katastrophalen Kollaps für die Wirtschaft des ganzen Landes führen. Nach seiner Darstellung würde der Untergang der amerikanischen Hersteller Schockwellen auslösen, durch die innerhalb eines Jahres drei Millionen Arbeitsplätze in Amerika verlorengingen.
Eigene Fehler wollten die Vorstandsvorsitzenden kaum zugeben
Wagoner betonte die Notwendigkeit, ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 des amerikanischen Konkursrechts zu vermeiden - eine Option, die von mehreren Senatoren angesprochen wurde. Eine solche Insolvenz soll es Unternehmen erlauben, ihre Geschäfte fortzuführen und sich zu restrukturieren. Wagoner sagte aber, ein Insolvenzverfahren würde die Existenz bedrohen. Nach seiner Auffassung würde eine Mehrheit der Verbraucher keine Autos von einem insolventen Hersteller kaufen wollen, weil sie fürchten, dass Garantieansprüche nicht eingehalten werden könnten. Die Vorstandsvorsitzenden schoben die Schuld für die derzeitige Misere vor allem auf die Finanzkrise - und wollten kaum eigene Fehler zugeben. Sie verwiesen vielmehr darauf, dass sie nach massiven Restrukturierungen in den vergangenen Jahren auf dem Wege der Besserung waren, bevor sie nun von den Folgen der Finanzkrise erfasst wurden.
Chrysler-Chef Nardelli sagte, im Falle der Bewilligung eines Rettungspakets würde er einer Reduzierung seines Jahresgehalts auf einen Dollar zustimmen. Gehaltskürzungen könnten auch auf Mitarbeiter in Europa zukommen: Wie bekannt wurde, könnte Carl-Peter Forster, der Präsident von General Motors in Europa, für die kommenden 14 Monate konzernweit alle vertraglich zugesicherten Bonuszahlungen, Prämien und sonstigen Sondervergütungen streichen. Ein Sprecher sagte, es gebe Gespräche auf vielen Ebenen, wie ein Sparpaket für das kommende Jahr geschnürt werden könnte.
Der Opel-Mutterkonzern verlangt von seinen europäischen Gesellschaften Einsparungen von 750 Millionen Dollar. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz hat Nullrunden für die Opel-Beschäftigten ausgeschlossen, aber eingeräumt, dass die europäischen Arbeitnehmer einen Beitrag leisten werden. Franz sagte der F.A.Z., im Fall einer 30-Stunden-Woche stünden Gespräche über Teillohnausgleiche und Kurzarbeitergeld an.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
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