19. November 2008 Bisher war die Finanzmarktkrise für viele etwas ziemlich Anonymes. Schwarze Ziffern in langer Reihe auf Kontoauszügen, Milliarden, die im Wirtschaftskreislauf fehlen, Unternehmen, die dadurch so in Not geraten sind, dass sie nach dem Staat rufen. Jetzt gibt es plötzlich ein Gesicht und einen Namen: Adolf Merckle, ein 74 Jahre alter Unternehmer aus dem schwäbischen Blaubeuren, der bis vor kurzem ziemlich unbekannt war, obwohl seine Familie zu den reichsten in Deutschland gehörte. Eine Milliarde Euro hat er verzockt. Und nun brüten in Stuttgart Vertreter der Landesregierung im Gespräch mit den Banken darüber, wie man Merckle helfen kann, sein Problem zu lösen: Eine Landesbürgschaft könnte die Banken dazu bewegen, Merckle noch einmal einen Kredit zu geben.
Das ist kaum zu glauben. Der bisher so erfolgreiche Schwabe mit dem freundlichen Lächeln hat sich nicht etwa eine unternehmerische Fehlinvestition geleistet, sondern er hat sich mit Aktien und Optionen gründlich verspekuliert. Er hat mitgespielt bei den Wetten um den Einstieg von Porsche bei Volkswagen. Merckle hat wie viele andere Investoren auf fallende VW-Kurse gesetzt - und er hat verloren. Um diesen Fehler gutzumachen, sollen jetzt Steuergelder riskiert werden?
Merckles Konglomerat beschäftigt 100.000 Menschen
Jeder Hausbesitzer, der seine Raten nicht zahlen kann, muss mit Zwangsversteigerung rechnen, gleichgültig ob er unverschuldet seinen Arbeitsplatz verloren hat und deswegen den Kredit nicht tilgen kann oder ob er sein Vermögen in der Spielbank verjubelt hat. Das macht wütend, erst recht, wenn man sich vorstellt, dass eine mögliche Landesbürgschaft ein echtes Risiko ist. Die Milliarde, sollte das Land tatsächlich für sie bürgen, muss eines Tages vielleicht wirklich gezahlt werden. Eine Milliarde Euro: Das sind für jeden einzelnen Bürger dieses Bundeslandes vom Säugling bis zum Greis immerhin 100 Euro. Die Hälfte des Betrags reicht aus, um 4000 Lehrer einzustellen.
Was bringt die Landespolitiker dazu, mit Merckle anders umzugehen als mit einem Normalbürger, der sein Vermögen an der Börse verzockt hat? Es ist wohl die Tatsache, dass Merckle kein Normalbürger ist. Bis vor kurzem hat jeder noch respektvoll davon gesprochen, was Merckle aus dem vom Großvater gegründeten Unternehmen geschaffen hat: ein Konglomerat von Firmen, die einen Umsatz von 35 Milliarden Euro erwirtschaften und 100.000 Menschen Arbeit geben. Allerdings sollte man mit diesen Zahlen vorsichtig umgehen. Nur ein Bruchteil der Arbeitsplätze ist in Baden-Württemberg, also zieht das Argument mit der Verantwortung für die Mitarbeiter nur bedingt. Es handelt sich bei dem Sammelsurium von Firmen auch nicht um Unternehmen, die prägend für die Wirtschaftsstruktur des Landes sind.
Steuern zu zahlen war ihm immer ein Graus
Auch mit der gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmers Adolf Merckle war es in der Vergangenheit nicht so weit her. Steuern zu zahlen war ihm immer ein Graus. So hat er enorme Energien stets darauf verwendet, die Expansion seines Reichs möglichst steuergünstig voranzutreiben. Auch deshalb hat er mehr als hundert Unternehmen, zwischen denen Vermögenswerte hin und her geschoben wurden. Jetzt gibt es offenbar nichts mehr hin und her zu schieben, zumindest kein Vermögen.
Die Möglichkeit, einfach die eine oder andere Firma oder auch nur ein großes Aktienpaket zu verkaufen, hat Merckle offenbar gar nicht mehr. Nicht einmal ein werthaltiges Pfand besitzt er mehr. Jetzt zeigt sich, dass die ganze Firmenkonstruktion ein schlau erdachtes Gebilde sein mag, das aber so wacklig ist, dass es vom Fehlen einer einzigen Milliarde Euro in seiner Existenz bedroht ist.
Hier liegt das Problem. Sollte eine der großen Merckle-Firmen wirklich in die Knie gehen, würde das dann doch wieder Kreise ziehen. Stark betroffen wäre die baden-württembergische Landesbank, LBBW, als Hausbank von Merckle. Sie müsste Kredite in Milliardenhöhe abschreiben. Die Stuttgarter Landesbank hat aber schon Sorgen genug, nicht nur der Finanzkrise wegen, sondern auch, weil die Rezession die eigenen Kunden erfasst hat, von denen viele von der Schwäche der Automobilindustrie betroffen sind. So gesehen ist es richtig, dass die Landespolitiker sich mit dem Fall Merckle befassen. Denn am Ende könnte es für die LBBW und damit für die Steuerzahler billiger sein, die Bürgschaft zu geben, als durch eine Insolvenz von Merckles Firmen Milliarden abschreiben zu müssen.
Bei dieser Abwägung ist es zunächst unerheblich, ob Merckle wie ein verantwortungsvoller Unternehmer gehandelt hat oder leichtfertig die Existenz seiner Firmen aufs Spiel gesetzt und sich so schuldig gemacht hat. Von moralischen Überlegungen allein können sich die Politiker, die nun über eine Landesbürgschaft entscheiden müssen, nicht leiten lassen. Trotzdem darf am Ende nicht der Eindruck entstehen, dass ein Zocker seine Verluste mit Hilfe des Staates decken kann, wenn er nur groß genug ist. Die Regierung Oettinger steckt in der Zwickmühle.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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