Mocambique

Was der Mensch zerstörte, soll die Natur wieder richten

Von Jürgen Roth

Auf Fotopirsch im Elefantenreservat

Auf Fotopirsch im Elefantenreservat

19. November 2008 Um die Mittagszeit ist die Stille im Camp in gewisser Weise enorm. Wie sonst könnte man eine Stille beschreiben, die vollkommener ist als jene, die man in Westeuropa kennt, wo selbst an abgeschiedenen Orten verdünnte Motorengeräusche zu vernehmen sind? Ab und an zirpt zaghaft eine Zikade. Für jedes andere Getier ist es zu heiß. Wir sind im Maputo-Elefantenreservat, achtzig Kilometer südlich von Maputo, der Hauptstadt Moçambiques.

In die gewaltige Ruhe hinein erläutert Derek Potter, der Manager des Parks, das vor zehn Jahren von der "Peace Parks Foundation" unterstützte Konzept: Mehrere Schutzareale in Moçambique, Swasiland und der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal sind zur "Lubombo Transfrontier Conservation and Resource Area" vernetzt worden. Die einst von den Kolonialmächten willkürlich gezogenen Landesgrenzen sollen für das Großwild wieder durchlässig werden. Nur so können die getrennten Elefantenpopulationen zusammengeführt werden. Um den sechzig Kilometer langen, von Wasserreservoirs gesäumten Wanderpfad "Futi Corridor" zum südafrikanischen Tembe-Elefantenreservat einrichten zu können, müssen allerdings noch etliche Dorfoberhäupter in den Verkauf ihres Landes einwilligen. Das sei eine zähe Angelegenheit, brummt Derek Potter. Mensch und Elefant vertrügen sich einfach nicht. Auch deshalb sei eine Umzäunung des Landes unumgänglich.

Den Homo sapiens meiden

"Sie wollen Elefanten sehen? Das ist nicht so einfach", sagt der Wildhüter. Im achthundert Quadratkilometer umfassenden Maputo-Park lebten im Jahr 1994, zwei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, nur noch sechzig Dickhäuter. In dem fünfzehn Jahre dauernden Kriegsgemetzel wurden riesige Wildbestände abgeschlachtet. Mittlerweile soll es wieder dreihundert Elefanten im Park geben, doch die Tiere sind scheu. Ihr oft gerühmtes Gedächtnis scheint ihnen zu raten, den Homo sapiens zu meiden.

Der Geländewagen wühlt sich eine der Dünen hinauf, die das Reservat am Indischen Ozean durchziehen. Niedrige Sandwälder umgeben uns, Affen turnen durch das Geäst. Als wir die Kuppe erreichen, hält der Wagen abrupt. "Da!", zischt der Ranger und zeigt in die Ebene. "Da unten sind sie! Seien Sie still. Sehr still!" Tatsächlich: In etwa zwei, drei Kilometer Entfernung sind mehrere erdbraune Punkte zu sehen, die gemächlich durchs hohe Gras wandern. Elefanten - eine Herde von der Größe einer Fußballmannschaft.

Majestätisches Kollektiv

Vorsichtig setzt der Fahrer den Jeep wieder in Bewegung. Wir schlingern die Düne hinunter und steuern in weitem Bogen auf diesen unwirklichen Verband prähistorisch-gravitätischer Wesen zu, die in einem Meer aus gelbgrünen Halmen herumstreifen, als seien sie von einer höheren Idee geleitet. "Die Elefanten hören uns, Sie dürfen deshalb nur flüstern", erklärt unser Wildhüter. Sogar der Motor des Wagens scheint leiser zu werden, um die Elefanten nicht zu stören. Der Tross trottet in unserer Richtung. Sachte fächeln die Tiere mit den Ohren, die Rüssel schlenkern gemütlich. Wie an einer Schnur aufgereiht, schlendert die Gruppe durch die Savanne. Es ist eine Welt in statu nascendi und dennoch gänzlich zeitlos. Die Erde präsentiert sich, als sei alles wohlgeraten, als gefalle sie sich selbst.

Als wir uns dem Trupp auf etwa einen Kilometer genähert haben, erkennen wir mehr: Drei Bullen dürften unter den Dickhäutern sein, drei Jung- und drei, vielleicht vier Muttertiere. Und dann geschieht etwas wahrlich Erhabenes: Eben noch vollends unbeteiligt, dreht das majestätische Kollektiv wie auf ein geheimes Zeichen einfach um und schlägt die Richtung ein, aus der wir uns angepirscht haben. "Die mögen uns nicht. Menschen sind Störenfriede", sagt der Wildhüter. "Sie finden, wir sollten verduften." Wir probieren es trotzdem und folgen der Herde. Doch die Elefanten wollen unserem Wunsch nach Nähe nicht entsprechen. Sobald wir wieder eine bestimmte Distanz zwischen ihnen und uns unterschritten haben, beginnt das Katz-und-Maus-Spiel aufs Neue. Alle Mann retour!

Tintig schwarze Wolken

Der Elefant sei das klügste aller Tiere und verfüge über die Gabe der "Prämeditation", heißt es im zweiten Band von Arthur Schopenhauers Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung". An einer anderen Stelle rühmt der Misanthrop den "bewunderungswürdigen Verstand des Elephanten" und verleiht ihm metaphysische Weihen: "Die Idee des Elephanten ist unvergänglich." Darin schwingt in Anbetracht der Ein-, ja Zurichtung der Welt durch den Menschen Trost mit - und Respekt vor einer Kreatur, die lediglich in schwerer Bedrängnis zur Aggression neigt, die trotz ihrer ehrfurchtgebietenden Stärke nicht über Schwächere herfällt, die sich, wie vielerlei andere Quellen betonen, durch Rechtschaffenheit, Gerechtigkeitssinn und - so hebt es eine Keuner-Geschichte von Brecht hervor - List auszeichnet, die "für große Unternehmungen zur Verfügung steht. Wo dieses Tier war, führt eine breite Spur. Dennoch ist es gutmütig, es versteht Spaß."

Nach einer halben Stunde geben wir auf. Auf dem Weg zurück nach Maputo geraten wir in einen Trockensturm. Tintig und schwarz kleben die zerfetzten Wolken am Himmel, der Wind verheddert sich in unseren Haaren, Staubfahnen vernebeln den Horizont, und plötzlich brettern wir durch eine Feuerwand. Uns stockt der Atem, wir fühlen uns kurzzeitig wie im Hochofen, und unser Fremdenführer Stefane lacht und schreit inmitten des Getöses: "Brandrodung! Die Leute zünden das Land an! Das ist normal!"

Lindgrüner Bahnhof

Auf der überladenen Fähre, mit der wir später über die Baia de Maputo übersetzen, fallen uns an zahllosen Passagieren Geschwüre an den Ohren auf. Das seien Tumore, die durch Viren entstünden, die vor allem beim Verzehr von Mangos übertragen würden, erklärt Stefane. "Wenn du krank bist, und niemand bezahlt für dich, bist du hier tot", sagt er.

Die Zwei-Millionen-Stadt Maputo gilt wegen ihres lusitanischen Flairs als schwarzafrikanische Ausnahmestadt. Sie ist eine Mischung aus tropischer, portugiesischer und lateinamerikanischer Kulturausprägung. Das Erbe der portugiesischen Herrschaft ist nicht zu übersehen: Im ehemaligen europäischen Viertel rund um die Avenida Mao Tse Tung stehen prächtige Kolonialvillen, die Avenuen sind von roten Akazien, Pinien und Jacarandabäumen gesäumt, es gibt ein neogotisches Naturkundemuseum - mit der weltweit größten Sammlung von Elefantenembryonen -, ein im Stil des Neoklassizismus erbautes Rathaus und das berühmte Eiserne Haus, die "Casa de Ferro" am Botanischen Garten, das von Gustave Eiffel im Jahr 1892 konstruiert wurde. Der lindgrüne viktorianische Bahnhof war früher der Ausgangspunkt der wichtigsten Bahnlinie des südlichen Afrikas. Mit den Zügen wurde Gold aus dem Witwatersrand bei Johannesburg abtransportiert.

Matt-zufriedener Ozean

Rund um den Bahnhofsplatz, den Praça dos Trabalhadores, hinterlässt Maputo durch zahlreiche Art-déco-Gebäude einen sortierten Eindruck. Auf dem Sockel des Mahnmals für die portugiesischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs schlafen Obdachlose. Im eigentlichen Zentrum dominieren Plattenbauten und Hochhäuser mit verwaschenen, bräunlich-schmutzigen Fassaden. Gegen Abend werden sie in ein ungeheuer mildes Licht getaucht. Die subtropische Luft ist weich wie Samt.

Maputo ist eine der wirtschaftlich am schnellsten wachsenden Städte Afrikas. Der Taxifahrer, der uns ins Arbeiterviertel Matola fährt, schwärmt von der funktionierenden Stromversorgung, von belebten Cafés und vom Ausbildungssystem. Doch als wir zwischen geduckten Betonhäusern, Strohhütten, Müllkippen und Brachen herumkurven, erfahren wir, dass von den Raffinerien und Zementfabriken, die in den siebziger und achtziger Jahren entstanden, keine mehr arbeitet. Nur eine Molkerei und eine Kugelschreiberfabrik halten den Betrieb noch aufrecht. Zurück im Zentrum, fallen uns an der Prachtmeile Avenida Julius Nyerere Straßenkinder vor den Banken, Einkaufspalästen und Computerläden auf. Manche von ihnen versuchen Erdnüsse und Blumen zu verkaufen. Das Gesicht eines Jungen ist von einem milchigen Ausschlag entstellt. Im Hotel Polana, ein paar hundert Meter die Straße hinauf, hingegen, in jener legendären, in den zwanziger Jahren erbauten Kolonialprunkherberge im britischen Imperialstil, in der Henning Mankell Stammgast ist, finden sich die neuen Lords der globalen Ökonomie ein. Wenn man neben ihnen auf der Terrasse sitzt, Cashewkerne kaut und Laurentina-Bier trinkt, behütet in einer eleganten Oase, beschienen vom schneeweißen Mond, flankiert vom matt-zufriedenen Indischen Ozean, dann entschwindet die Welt.

Refugium für Vögel

Wir sollten bitte erspüren, was schön an Moçambique ist, sagt der Tourismusminister Fernando Sumbana am nächsten Tag in seinem Amtssitz zu uns. Man wolle Moçambique, das unter reichen Südafrikanern einst als Topadresse galt und durch die Wirren der vergangenen Jahrzehnte in Vergessenheit geriet, wieder auf der Landkarte des Tourismus plazieren. Der Fremdenverkehr sei der Garant für nachhaltige Entwicklung, das Land biete phantastische Möglichkeiten für Strandurlauber.

Fünfzig Dollar kostet die Überfahrt zur vierunddreißig Kilometer vor Maputo gelegenen Ilha da Inhaca, einem ehemaligen Stützpunkt für Elfenbeinhandel. Am Strand erwarten uns Jugendliche, die uns ihre Dienste aufdrängen wollen. Kinder rennen uns bis zum Eingang der Pestana Lodge hinterher. Zusammen mit der unbewohnten Ilha dos Portugueses bildet die Inhaca-Insel ein wunderschönes Refugium für Hunderte von Vogelarten und für Meeresschildkröten. Die Korallenriffe vor der Westflanke der Insel sind fast unberührt. Doch Mitarbeiter der meeresbiologischen Forschungsstation beklagen die Versandung der Wälder und die Beschädigung des fragilen Biotopsystems durch den Raubbau durch die Einwohner.

Zerstörte Natur

Auf diese Probleme trifft man in ganz Moçambique. Obwohl mehr als zwölf Prozent des achthunderttausend Quadratkilometer großen Landes unter Schutz gestellt worden sind, kann sich die Natur in den Naturreservaten nicht unbehelligt entfalten. Fliegt man mit dem Kleinflugzeug von der Stadt Pemba, der Hauptstadt der Provinz Cabo Delgado, auf eine der sechsunddreißig Inseln des Quirimbas-Archipels, sieht man im gleichnamigen Nationalpark allenthalben Feuer lodern. Bisweilen steigen riesige Rauchsäulen auf, und am Horizont schiebt sich eine dichte, rotbraune Dunstschicht über Buschland, Sandzungen und Mangrovenwälder. Trostreich schimmert der Indische Ozean in allen erdenklichen Blau- und Grüntönen. Auf Ibo Island wurden in den vergangenen Jahren von privaten Investoren Anlagen errichtet, in denen sich Luxusurlaub zu gesalzenen Preisen verbringen lässt. Wir sitzen am Pool, eine freundliche Brise umschmeichelt uns, heimischer Wein und Bier tun ein Übriges, und dann frönen wir der Lieblingsleidenschaft von Nelson Mandela: glühend emphatische Sonnenuntergänge betrachten. Diese unvergleichlich kalmierenden Minuten der Kontemplation nutzen sich nie ab; die stille Achtung vor dem Schönen, das sich der unabgegriffenen begrifflichen Aufschlüsselung beharrlich entzieht, sie schwindet nimmer.

Im Jahr sechshundert vor Christus landeten Araber auf Ibo Island. Noch heute sind die etwa zweitausendfünfhundert Bewohner überwiegend muslimischen Glaubens. Im Jahr 1522 okkupierten Portugiesen das Eiland, im achtzehnten Jahrhundert begannen sie, einen massiven Sklavenhandel aufzubauen. Gegenüber der wuchtigen katholischen Kirche liegt der Dorfplatz mit ausladenden, von indischen Kaufleuten gepflanzten Mandelbäumen. Ihre Kronen ragen gütig über die maroden portugiesischen Kolonialbauten.

Segnungen des Ökotourismus

Das Bild Ibos nährt sich vom Charme einer untergegangenen Welt. Der lächerlich kleine Leuchtturm am Kai weckt beinahe Mitleid, die ehemalige Festungspromenade verströmt Morbidität. Am anderen Ende des Ortes verfällt ein Friedhof aus dem sechzehnten Jahrhundert. Unter einer Grabplatte liegt eine Bierflasche, der gelbe Dorfweber hat seine hängenden Nester in die Bäume jenseits der Mauer gebaut. Moose und Pilze haben sich der portugiesischen Verwaltungsbauten, die vor über hundert Jahren verlassen wurden, bemächtigt. Aus einigen der eingestürzten Dachstühle wachsen Bäume.

Auf der nördlichen Nachbarinsel Matemo verfolgt man ein ähnliches Konzept der ökologisch verträglichen und ökonomisch fairen Zusammenarbeit zwischen touristischem Gewerbe und den sechs Dörfern. Fremdenführer Eliseu preist die Segnungen, die von der im Jahr 2004 eröffneten Luxusanlage Matemo Island Lodge ausgehen. Achtzig Einheimische beschäftige das Hotel schon, zum ersten Mal hätten die Menschen regelmäßige Arbeit und gingen die Kinder zur Schule. Man bekomme sauberes, entsalztes Wasser und ein Krankenhaus werde auch entstehen, erzählt er. Die Kooperation zwischen den Clanchefs und der Hotelleitung scheint tatsächlich Früchte zu tragen. Der althergebrachte, einfache Tauschhandel mit dem Festland weicht einem offenbar breit akzeptierten "community based tourism", der allerdings gravierende Probleme wie Aids und Drogenmissbrauch nicht lösen kann.

Mahnmal aus Schildkrötenpanzern

Im Dorf Palussanga treffen wir auf lächelnde Frauen mit den traditionellen weißen Schönheitsmasken aus Mussiro, einer Paste aus Baumrinde. Kinder tollen herum, ein Mahnmal aus Schildkrötenpanzern erinnert die Besucher daran, die Meeresreptilien zu schonen. Harmonie allenthalben - doch das Matemo Island Resort ist eingezäunt. Man liegt, sofern es einen nicht zum Tauchen, Schnorcheln oder Whale Watching drängt, auf der Terrasse, mustert, unbeherzt oder von der Gleichförmigkeit der landschaftlichen Schönheit schier betäubt, die Sandbänke und Farbabstufungen des immer warmen Wassers. Die Zeit kippt ins Leere. Die Sonne steht im Zenit, ein paar Dohlen krächzen, eine Dhau gleitet vorbei. Für die Reise nach Daressalam brauchen die Kleinhändler in einem Segelboot etwa eine Woche. Entspannung und Rekreation können hier nur die Hochbegüterten genießen.

Ebenjene pilgerten bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges bevorzugt in den Gorongosa-Nationalpark im Zentrum des Landes, in der Provinz Sofala. Der Park, der westlich der Küstenstadt Beira liegt, sei "das Kronjuwel des Landes" und ein "nationales Symbol", betont Tourismusminister Sumbana. Er erinnert daran, dass dieses viertausend Quadratkilometer große Gebiet einst den Ruf genoss, die Arche Noah der Welt zu sein - so spektakulär sei der Artenreichtum gewesen.

Niedergemetzelte Elefanten

Im Krieg war der Park ein militärisches Zentrum. Im Jahr 1982 musste er schließen, die Großwildbestände - darunter viertausend Elefanten, sechstausend Zebras und vierzehntausend Büffel - fielen den Kämpfen nahezu vollständig zum Opfer. Im Jahr 2004 schloss der amerikanische Milliardär Greg Carr einen Vertrag mit der Regierung. Für die Rekonstruktion des Parks, die vor zwei Jahren begann, zahlt er in den kommenden dreißig Jahren fast vierzig Millionen Dollar.

Gorongosa soll ein Motor für die wirtschaftliche Entwicklung Zentralmoçambiques werden, sagt der Gouverneur von Sofala, Alberto Vaquina. Doch der im Norden außerhalb des geschützten Territoriums liegende, 1863 Meter hohe Mount Gorongosa steht vor dem Kollaps. Kleinbauern roden die Regenwälder in den höheren Lagen in einem derart atemberaubenden Tempo, dass die Wasserreservoirs, aus denen sich das Leben im Park speist, bald versiegen werden.

Arme Kleinbauern

Verzweifelt versucht Carr diese verheerende Entwicklung zu stoppen. Im Gegenzug baut er Schulen und Krankenhäuser und bietet neue Jobs für die Einheimischen an. Ausgebildet werden Wildhüter, Handwerker, Landschaftspfleger, Bauern und Biologielehrer. Ohne erheblich gesteigerte Einnahmen aus dem Tourismus sind diese Unternehmungen gleichwohl zum Scheitern verurteilt. Die Besucherzahlen des Parks sollen in den nächsten Jahren von siebentausend auf fünfundzwanzigtausend erhöht werden. Drei neue Camps sind in Planung, und im Hauptcamp Chitengo wird emsig gewerkelt. Die touristische Erschließung des Landes und der Erhalt der Artenvielfalt sollten Hand in Hand gehen, sagt Carr.

Der boomende Ökotourismus eröffnet die Möglichkeit, über Verbesserungen im Alltag der Einheimischen deren Verständnis für ökologische Probleme zu wecken. Wie auch sonst sollte etwa einem Kleinbauern, der nur mit Mühe seine Familie über Wasser zu halten versucht, nahegebracht werden, in Wildtieren keine Konkurrenten und Feinde im Lebenskampf zu sehen? Die dringlichen Belange des Natur- und Artenschutzes jedenfalls, darüber besteht unter Wissenschaftlern weitgehend Einigkeit, kann man nicht mehr unabhängig von den Fragen der Armut und des Bevölkerungswachstums erörtern.

Schlangenadler am Himmel

Vorerst interessiert nur den Besucher die Natur als Wert sui generis - weil er es sich, in materieller und ideeller Hinsicht, leisten kann. Das scheinen die Gibbons, die mit spöttischer Miene durchs Camp streifen, ähnlich zu sehen. Auf eine weitere Abordnung ihrer Art stoßen wir hinter einer Kurve, die den Blick auf einen Palmenwald freigibt. Im Schweinsgalopp macht sich das lärmende Volk davon. Tony, unser Führer, erklärt, dass Elefanten Palmenwälder mögen. Prompt erspäht er einen vornehm in der Deckung des Grüns verharrenden jungen Elefantenbullen. "Oh, ihr habt Glück, so sieht man sie selten, so abgesondert von der Herde", sagt Tony. Die Volksmythologie in Moçambique berichtet von Elefanten, die weinen. Bevor wir darüber sinnieren können, kreisen Schlangenadler Aufmerksamkeit heischend in der kobaltblauen Luft, Warzenschweinfamilien rasen wie die Irren durch das Gestrüpp, und auf einer saftgrünen, mit Anabäumen geschmückten Lichtung ruht ein majestätischer Wasserbock.

Im Gorongosa-Park fügen sich disparate Biotope zu einem filigranen, weitläufigen Landschaftsmosaik zusammen. Büffel, Gnus und Zebras sind zwar wieder angesiedelt worden, doch man übt bei Reimporten verlorener Arten Zurückhaltung. Gorongosa sei weder ein Zoo noch ein Showpark, sagt Tony. Die Natur, die sich, lässt man sie gewähren, selbst genügt, soll es auf eigene Faust richten.

Man muss die Savanne hören

"Big Five and Beach - Die großen Fünf und Strand" wirbt Moçambique für seinen Naturreichtum - aber die großen fünf, nämlich Büffel, Elefant, Rhinozeros, Löwe und Leopard, sind hier nicht ohne weiteres zu haben. Das letzte Rhino wurde im Jahr 1969 getötet. Seitdem ist keines mehr gesichtet worden.

Tony fährt uns zum Hippo House, einem ehemaligen Restaurant, in dem einst die Begüterten dinierten. Von der Terrasse sind durch das Fernglas im Urema-See Krokodile, ledrige Stoiker, blitzweiße Seidenreiher und Fischadler im Gleitflug auszumachen. "Man muss die Savanne hören, um sie zu sehen", sagt unser Führer in Chitengo nach unserer Rückkehr. "In der Gruppe ist es ein Problem, es gibt zu viele Quatscher." Dass er auf den Dauerquatscher unter uns, der redet, bis die Wiese brennt, anspielt, mag man dem freundlichen Mann nicht unterstellen. Der Mensch sollte in den Weiten Afrikas mal eine Existenzpause einlegen, geht uns durch Kopf, während wir über halsbrecherische Pisten zurück nach Beira fahren. Spät in der Nacht halten wir an einer Tankstelle an, kaufen Getränke, Kekse und geröstete Maiskolben. Das Gewusel auf dem improvisierten Markt ist enorm. Als uns ein junger Kerl, der mit nichtalkoholischen Getränken handelt, seine Ware anvertraut - vermutlich sein gesamtes Hab und Gut - weil er das von uns gewünschte Bier besorgen will, wird uns auf einmal seltsam behaglich ums Herz. Ein kompletter Lump ist der Mensch eben doch nicht.

Anreise: South African Airways fliegt über Johannesburg nach Maputo ab 1150 Euro. Anschlussflüge nach Pemba (Quirimbas-Archipel) und Vilankulo (Bazaruto-Archipel) bietet Airlink (Internet: www.flyairlink.com) und Pelican Airlines (Internet: www.pelicanair.co.za). Visa stellt die moçambiquanische Botschaft, Stromstr. 47, 10551 Berlin, Telefon: 030/39876506 aus. Das Antragsformular im Internet unter www.mosambik-botschaft.de.

Unterkunft: Polana Serena Hotel, Maputo, Av. Julius Nyere 1380, Telefon: 00258/21491001, Internet: www.polana-hotel.co.mz; Pestana Inhaca Lodge, Insel Inhaca, Telefon: 00258/21760010, Internet: www.pestana.com; Indigo Bay Island Resort, Bazaruto Island, Internet: www.raniresorts.com; Chitengo-Camp, Gorongosa Nationalpark, Internet: www.gorongosa.net; Ibo Island Lodge, Internet: www.iboisland.com.

Informationen: Arbeitsgemeinschaft Südliches & Östliches Afrika, Internet: www.asa-africa.de, Fremdenverkehrsamt Moçambique Futur, Internet: www.futur.org.mz; www.mosambiktourismus.de.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jürgen Roth

 
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