Torwarttrainer Ehrmann im Gespräch

„Tim muss eine reelle Chance bekommen“

Kann Tim Wiese nun Ansprüche anmelden? “Wer derzeit im Kreis der Nationalmann...

Kann Tim Wiese nun Ansprüche anmelden? "Wer derzeit im Kreis der Nationalmannschaft ist, der muss eine reelle Chance bekommen", sagt Ehrmann

20. November 2008 Tim Wiese war der Gewinner bei der 1:2-Niederlage gegen England. (siehe: 1:2 gegen England: Niederlage zum Jahresausklang) Der Torhüter von Werder Bremen zeigte bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft eine Klasseleistung, wie sogar der Fernsehexperte Oliver Kahn attestierte. (siehe auch: FAZ.NET-Einzelkritik: Mannschaft unsicher, Helmes treffsicher)

Wieses Aufstieg zum Nationaltorhüter ist auch so etwas wie die Krönung für den Kaiserslauterer Torwarttrainer Gerry Ehrmann, der Ziehvater des frischgebackenen Nationaltorwarts ist. Wiese ist neben Roman Weidenfeller, Florian Fromlowitz und dem heutigen Kaiserslauterer Schlussmann Tobias Sippel einer von derzeit vier Profitorhütern, die ihre Ausbildung bei dem ehemaligen Bundesligaschlussmann und heutigen Torwarttrainer des FCK genossen haben. Im FAZ.NET-Gespräch schildert Ehrmann Wieses Stärken und Schwächen und seinen Einfluss auf den Schlussmann.

Bei Terrys Kopfball war Wiese chancenlos, sonst hielt er stark: “Tim hat lang...
Bei Terrys Kopfball war Wiese chancenlos, sonst hielt er stark: „Tim hat lange auf seine Chance gewartet und sie gestern genutzt”

Ihr ehemaliger Schüler Tim Wiese feierte beim 1:2 gegen England sein Debüt in der Nationalmannschaft. Oliver Kahn lobt seinen Einstand im ZDF als Klasseleistung. Stimmen Sie dem zu?

Ja. Tim hatte auf jeden Fall einen sehr guten Einstand in der Nationalmannschaft.

Ist er der Gewinner in der Niederlage?

Auf gewisse Weise wohl schon, da sich sonst ja nicht so viele andere Spieler in den Vordergrund drängen konnten. Tim hat lange auf seine Chance gewartet und sie gestern genutzt.

Hat Sie die Leistung überrascht?

Nein, ich weiß ja um seine Fähigkeiten.

Sie haben mit Wiese, Roman Weidenfeller, Florian Fromlowitz und dem derzeit verletzten jetzigen FCK-Torhüter Tobias Sippel schon vier Schlussmänner zum gestandenen Profitorwart ausgebildet. Tim Wiese ist nun der erste im Nationaltor. Ist das die Krönung für Ihre Arbeit?

Gerry Ehrmann (hier nach einem 1:0-Sieg in München 1997 mit Ratinho) arbeitet...

Gerry Ehrmann (hier nach einem 1:0-Sieg in München 1997 mit Ratinho) arbeitet seit einem Jahrzehnt als Torwarttrainer in Kaiserslautern

Man freut sich mit, keine Frage. Ich fühle und leide mit meinen Jungs. Aber wie viel Anteil ich an den Karrieren meiner Jungs habe, sollen andere beurteilen.

Sehen Sie denn wenigstens noch Ihre Handschrift bei Tim Wiese?

Sicher. Ich erkenne da schon vieles von dem, was ich mit ihm trainiert habe. Auf Explosivität und Sprungkraft, was seine großen Stärken sind, haben wir immer sehr viel Wert gelegt. Auch seine Entschlossenheit war mir immer sehr wichtig.

Umstrittene Aktion gegen Olic im Vorjahr: “Torhüter sind Einzelkämpfer. Desha...

Umstrittene Aktion gegen Olic im Vorjahr: "Torhüter sind Einzelkämpfer. Deshalb muss man akzeptieren, dass er manchmal überreagiert"

Haben Sie heute noch Einfluss auf seine Entwicklung?

Wir telefonieren regelmäßig und ich gebe ihm sicher auch ein gewisses Feedback. Aber im Alltag wird er ja auch in Bremen gut betreut.

Haben Sie schon damals, als Wiese von Ihnen ausgebildet wurde, erkannt, dass er es als erster Ihrer Schützlinge ins Nationaldress schaffen wird?

Der jetzt in Dortmund spielende Roman Weidenfeller, der ein bisschen älter ist als Tim, hatte die selben Anlagen. Er hatte nur viel Verletzungspech, das eine noch bessere Entwicklung bisher verbaut hat.

Sie galten zu Ihrer Zeit als ein Torwart, der höchst aggressiv im Tor war. Der Ehrenname „Tarzan“ erinnert noch heute daran. Lehren Sie Ihre Schüler das selbe?

Ich versuche, meinen Torhütern zu vermitteln, was ich gut gemacht habe. Und, was ich schlecht gemacht habe, sollen Sie bei mir besser lernen.

Was wäre das?

Ich war vielleicht hin und wieder einen Tick zu aggressiv, habe das ein oder andere Mal überreagiert und bin übers Ziel hinausgeschossen. Auch wenn die Urteile über mich da etwas zu hart waren, war das sicher eine Schwäche von mir.

Sie waren als der erste muskelbepackte Torhüter in Erscheinung getreten. Wiese scheint auch gerne ins Krafttraining zu gehen …

Das liegt aber bei ihm wie bei mir an der natürlichen Veranlagung. Wir haben gar nicht so viel am Eisen gemacht. Sicher kann man ein bisschen was im Kraftraum machen, das wird aber überbewertet. Wichtig ist, dass Tim nicht seine Schnelligkeit und Explosivität verloren hat.

Am Sonntag spielt Wiese gegen den HSV und Ivica Olic. Da gab es beim letzten Mal eine heftige Szene, als er Olic beinahe sehr schwer verletzt hätte. (siehe: Bremens Sieg gegen den HSV: Kung-Fu-Wiese und die grimmig Entschlossenen) Das erinnerte ein wenig an den frühen Ehrmann ...

Das hat Tim damals nicht absichtlich gemacht. Torhüter sind Einzelkämpfer. Deshalb muss man akzeptieren, dass er manchmal überreagiert. Wenn der Torhüter einen Fehler macht ist das meist ein Tor. Das ist eben eine besondere Drucksituation.

Was sind Qualitäten, die Sie Wiese beigebracht haben?

Mir ist wichtig, dass meine Torhüter positiv-aggressiv sind, dass sie mitspielen und der Chef im Strafraum sind, aber die Ruhe liegt in der Kraft. Sie sollen dirigieren und Zeichen setzen. Sie müssen entschlossen sein. Sie dürfen Fehler machen, aber niemals aus Angst oder Überheblichkeit. Und sie müssen mit Ihren Fehlern wachsen.

Ist Tim Wiese an seinen Fehlern wie beispielsweise jenem entscheidenden Fehlgriff im Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin gewachsen?

Absolut. Er hat daraus gelernt und das auch verarbeitet.

Glauben Sie, dass Wiese eine Chance auf den Platz im Tor der Nationalmannschaft hat oder entscheidet sich das zwischen René Adler und Robert Enke?

Ich will das mal so sagen: Wer derzeit im Kreis der Nationalmannschaft ist, der muss eine reelle Chance bekommen, da der Platz derzeit nicht fest vergeben ist. Alles andere wäre doch komisch, oder?

Das Gespräch führte Daniel Meuren.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa

 

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