Von Gerald Hosp, Moskau
20. November 2008 Das Gesetz der Schwerkraft gilt noch in Russland. Das dürfte aber an den Moskauer Finanzmärkten derzeit die einzige Gewissheit sein. Mangelnde Liquidität an den russischen Börsen macht die Kurse unberechenbar. Die Finanzmarktaufsicht weiß sich meist nur mit dem Aussetzen des Handels bei allzu großen Schwankungen nach unten und nach oben zu helfen, wobei die Toleranzschwelle für Gewinne größer als für Verluste ist. Die Anpassung erfolgt jedoch um so heftiger, wenn der Handelsplatz wieder geöffnet wird.
Zudem weicht der Handel mit russischen Aktien auf andere Plätze wie London und New York aus. Marktteilnehmer beklagen, dass der Handel unlogisch und orientierungslos sei. Bereits Mitte Oktober hatte die russische Investmentbank Alfa aufgegeben, ihre täglichen Aktientipps mit Zielkursen für die einzelnen Aktien zu publizieren.
Aktien von Gasprom nicht verkaufen
Stattdessen gibt die Alfa-Bank die Abschläge für russische Aktien gegenüber vergleichbaren Werten aus Schwellen- und Industrieländern wieder: Der Erdgaskonzern Gasprom weist für das Jahr 2008 laut Alfa ein unglaublich niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 2,6 auf, was einen Kursabschlag gegenüber Konkurrenten aus Schwellenländern um 78 Prozent bedeutet. Die Stahlunternehmen Severstal (KGV: 0,7), Evraz (0,3) und Mechel (0,7) liegen um 75 Prozent unter den Daten aus anderen sich entwickelnden Ländern. Dieses Muster zieht sich durch alle Branchen.
Normalerweise sind solche Werte Kaufempfehlungen, aber nicht zurzeit. Die russische Regierung sieht dabei dem Abfluss der Investorengelder und dem geschwundenen Vertrauen in den russischen Aktienmarkt hilflos zu. Der Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, Arkadi Dworkowitsch, gab am Mittwoch den Ratschlag, Aktien von Gasprom, des Erdölkonzerns Rosneft oder der staatlich kontrollierten Sberbank nicht zu verkaufen. Er kenne die Pläne und das Potential dieser Unternehmen. Sie würden langfristig gesehen Branchenführer bleiben.
Seit dem Höchstwert Mitte Mai ist der in Dollar denominierte RTS-Index um rund 75 Prozent heruntergerasselt. Analysten der Investmentbank Troika Dialog sind der Überzeugung, dass der Fall der Aktienkurse erst dann gestoppt wird, wenn eine Erholung der Weltwirtschaft absehbar wird. Russland ist nach der Auffassung der Analysten in größtem Maße von der Weltkonjunktur und von der Entwicklung des Erdölpreises abhängig. Für einige Beobachter ist deshalb die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ein möglicher Retter Russlands aus der misslichen Lage. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des russischen Erdölkonzerns Lukoil hofft auf eine Entscheidung der Opec Ende November, die Produktion kräftig zu senken.
Berichterstattung über die Finanzkrise sollen überprüft werden
Aber auch wenn die Weltkonjunktur sich in absehbarer Zeit verbessern und der Erdölpreis anziehen sollte, ist es unwahrscheinlich, dass der russische Aktienmarkt stärker als andere Handelsplätze zulegen wird. Dafür wurde das Vertrauen der Anleger, dass die russische Führung nicht maßgeblich in die Geschicke der Unternehmen eingreifen will, bereits vor dem Ausbruch der Finanzkrise im September erschüttert.
Der Fall des Düngerherstellers Uralkali führte zu einiger Aufregung: Die russische Regierung will die Überschwemmung einer Mine des Unternehmens vor zwei Jahren wieder neu aufrollen. Daran sind Schadensersatzzahlungen geknüpft. Die Untersuchung soll dieselbe Person führen, die bereits die Steuerbehörden im Verfahren gegen den in den Bankrott getriebenen Erdölkonzern Jukos vertreten hatte.
Für Stirnrunzeln sorgt auch das Ansinnen der Generalstaatsanwaltschaft, die Berichterstattung der Medien über die Finanzkrise auf ihre Genauigkeit hin zu prüfen. Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew hatte unlängst den Verdacht geäußert, dass einige Banken durch Medienberichte in Schwierigkeiten gebracht werden sollten.
Der russische Aktienmarkt wird zudem durch die Unsicherheit in Bezug auf den Rubel belastet. Für viele Beobachter war der jüngste Abwertungsschritt um ein Prozent gegenüber einem Dollar-Euro-Korb zu zaghaft. Die Strategie, den Außenwert des Rubel in kleinen Schritten zu senken, sei zum Scheitern verurteilt. Marktteilnehmer würden auf eine Abwertung setzen, und die russische Zentralbank müsste dadurch viel Kapital einsetzen, um den Rubelkurs zu stützen. Deshalb sei ein beherzter Abwertungsschritt besser.
Text: F.A.Z. / gho
Bildmaterial: F.A.Z.
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| VOLKSWAGEN AG STAMMA | +30,26 | +11,88 |
| ADIDAS AG INHABER - | +1,32 | +4,73 |
| SALZGITTER AG INHABE | +2,66 | +4,54 |
| ALLIANZ SE VINK.NAME | -3,73 | -4,85 |
| METRO AG STAMMAKTIEN | -1,05 | -3,48 |
| DEUTSCHE BANK AG NAM | -0,90 | -3,13 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 5.026,31 | +0,85 |
| TecDax | 535,78 | -0,25 |
| DowJones | 9.015,10 | +0,69 |
| Nasdaq | 1.652,38 | +1,50 |
| STOXX 50 | 2.578,43 | +0,98 |
| Nikkei 225 | 9.080,84 | +0,42 |
| S&P 500 Zert. | 9,35 | +1,08 |
| Euro/Dollar | 1,34 | -0,50 |
| Bund Future | 123,50 | -0,94 |
| Gold | 859,50 | -0,10 |
| Öl | 49,84 | +4,40 |
Der Staat muß es richten - kann er das wirklich?
22:24Geschichte wiederholt sich nicht,
22:22Dieses Mal gibt es kein Zögern...,
21:52