Bankaktien

Im Ausverkauf

Von Benedikt Fehr

20. November 2008 Sorgen über weitere große Kreditausfälle bei den Banken haben die Aktien der Kreditinstitute zur Wochenmitte wiederum unter kräftigen Verkaufsdruck gebracht. Die Aktienkurse von Deutscher Bank und Commerzbank sind auf langjährige Tiefstände gefallen.

An den Finanzmärkten werde nach den Verlusten durch zweitklassige amerikanische Hypothekenanleihen nun aufgrund der Rezession eine weitere Verlustwelle befürchtet, erläutert Dieter Hein, Bankfachmann beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch.

Ausnahme Postbank

Unterdessen profitiert die Aktie der Deutschen Postbank von einem Bericht des Wirtschaftsmagazins „Capital“, demzufolge sich die Deutsche Bank über weitere Optionsgeschäfte weitere Aktien an den Postbank sichern wolle. Die Deutsche Bank plant bekanntlich die Übernahme der Postbank und hat dazu bereits Optionsgeschäfte vereinbart. Die Postbank-Aktie sprang am Mittwoch bis kurz vor Handelsschluss um 11 Prozent auf 16,56 Euro und legt auch am Donnerstag als bester Dax-Wert weiter zu. Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte indes, man plane keine schnelle komplette Übernahme der Postbank.

Die Aktie der Deutschen Bank sackte am Mittwoch bis zum Handelsschluss um 8,8 Prozent ab und gibt am Donnerstag abermals um mehr als 10 Prozent nach und verzeichnet so den niedrigsten Stand seit fast 15 Jahren. Im vergangenen Dezember war das Papier noch gut 90 Euro wert gewesen. Die Börse bewertet Deutschlands größte Bank damit nur noch mit 10,9 Milliarden Euro, obwohl sie zum 30. September ein Eigenkapital von 36,6 Milliarden Euro ausgewiesen hat.

Deutlich unter Buchwerten

Das Verhältnis von Börsenkurs zu Buchwert beträgt nach Berechnung des Informationsdienstleisters Bloomberg 0,29. Werte unter 1 für diese Kennziffer deuten darauf hin, dass die Börse weitere Verluste zu Lasten des Eigenkapitals erwartet. Die Aktie der Commerzbank nähert sich ihrem Allzeittief von 5,30 Euro aus dem Jahr 2003 und kommt damit auf einen Marktwert von nur noch 3,9 Milliarden Euro. Bei ihr beträgt das Preis-Buchwert-Verhältnis 0,25.

Ähnlich wie den beiden führenden deutschen Großbanken geht es freilich den meisten europäischen Finanzinstituten. Der einschlägige Bankenindex lag am Mittwoch zum Handelsschluss 7 Prozent niedriger. Allein in den vergangenen vier Wochen ist er um 29 Prozent gefallen, seit Jahresbeginn um 65 Prozent. Europäische Bankaktien haben damit in diesem Jahr noch mehr verloren als amerikanische. Jedenfalls ist der KBW-Bankindex für 24 führende amerikanische Finanzhäuser seit Jahresbeginn nur um rund 50 Prozent gesunken.

Nächstes Problem: Kreditkartenschulden

Am Mittwoch habe die Aussage des Bank-America-Chefs Kenneth Lewis die Börsenstimmung belastet, dass das Geschäft mit Kreditkarten auf die höchsten Verluste in seiner Geschichte zusteuere, berichtet Guido Hoyman, ein Bankexperte der Frankfurter Privatbank Metzler. Ähnlich wie die Hypothekenkredite seien auch Kreditkartenkredite zum Teil in strukturierte Anleihen verpackt und an Investoren in aller Welt verkauft worden. Deshalb werde nun befürchtet, dass diese Verluste auch Banken in Deutschland und Europa treffen könnten.

Das Gesamtvolumen der amerikanischen Kreditkartenkredite wird auf fast 1000 Milliarden Dollar veranschlagt und ist damit fast so hoch wie das Volumen der zweitklassigen Subprime-Hypothekenkredite, das zu Beginn der Krise auf 1200 Milliarden Dollar veranschlagt wurde. Welch dramatische Einbußen inzwischen bei Subprime-Krediten befürchtet werden, lässt sich an den ABX-Indizes ablesen: Selbst einige Tranchen mit der Bestnote AAA deuten auf Verluste von mehr als 50 Prozent hin.

Hoher Ausfallraten bei Unternehmenskrediten befürchtet

Laut Hein von Fairesearch wird an den Börsen zudem befürchtet, dass die Rezession auch zu einem kräftigen Anstieg der Kreditausfälle von Unternehmen führen wird. Auch dies würde zu Lasten der Banken gehen.

Fachleute halten die Lage aus zweierlei Gründen für besonders brisant: Erstens sind derzeit die drei führenden Wirtschaftsräume Vereinigte Staaten, Europa und Japan in die Rezession geraten. Das lässt befürchten, dass der Abschwung noch an Fahrt gewinnt. In früheren Zyklen war dieser konjunkturelle Gleichlauf meist nicht so stark, so dass das Wachstum in einer Weltregion den Abschwung anderswo dämpfen konnte.

Zudem ist zumindest ein Teil der Unternehmen vergleichsweise sehr hoch verschuldet. Das gilt zum Beispiel für einige Unternehmen, die von Private-Equity-Beteiligungsunternehmen übernommen wurden. Häufig haben die neuen Inhaber die übernommenen Unternehmen gezwungen, in großem Stil Kredite aufzunehmen, um hohe Dividendenausschüttungen zugunsten der Eigentümer zu finanzieren.

Sollten in der Rezession die Erlöse der übernommenen Unternehmen hinter den Projektionen zurückbleiben, könnte dies zu Schwierigkeiten führen, die Kredite zu bedienen.

Deutsche Bank: Angst vor weiteren Verlusten

Auf der Finanzkonferenz „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, am Montag diesbezügliche Sorgen erkennen lassen. Bei vielen Übernahmekrediten („leveraged loans“) seien die Margen aufgrund des scharfen Wettbewerbs unter den Banken oft eigentlich zu gering, sagte Ackermann.

Doch hätten sich die Banken im Zuge der Übernahme-Euphorie sogar auf Kredite mit besonders laxen Konditionen („covenants light“) eingelassen, später auf Kredite, bei denen der Investor den eigentlich fälligen Zins auflaufen lassen kann („payment in kind“). Die Deutsche Bank war einer der führenden Finanziers dieser Übernahmewelle.

Die Angst vor weiteren Verlusten bei der Deutschen Bank macht sich auch am großen Volumen ihrer „Level 3“-Aktiva fest. Dabei handelt es sich um die Vermögenswerte, die nach den Bilanzierungsvorschriften eigentlich zu Marktkursen bewertet werden müssten. Fehlt es allerdings an aktuellen Kursen, erlauben es die Regeln, diese Vermögenswerte wie zum Beispiel strukturierte Anleihen, Leveraged Loans oder Derivate als „Level 3“-Aktiva einzuordnen und nach Modellen zu bewerten („mark to model“).

Von größerer Transparenz keine Spur

Die Deutsche Bank hatte zum Ende des dritten Quartals 92 Milliarden Euro als „Level 3“-Aktiva ausgewiesen, nach 88 Milliarden Euro Ende 2007. Den Anstieg erklärt die Bank mit den Marktverwerfungen bei verbrieften Wohnungsbaukrediten und „kreditbezogenem Korrelationsgeschäft“.

Die knappen Angaben lassen befürchten, dass gerade verlustträchtige „toxische“ Vermögenspositionen als „Level 3“ eingestuft wurden. Entgegen allen Beteuerungen der Konzernspitze, für mehr Transparenz sorgen zu wollen, gibt die Bank zu dem großen Posten Level-3-Aktiva praktisch keinerlei Erläuterungen, dabei insbesondere nicht, welche Beträge auf die unterschiedlichen Vermögensklassen entfallen oder welche Bewertungsmodelle die Bank genutzt hat.

Beträchtliche Risiken

Nach den IFRS-Regeln betrug die Bilanzsumme der Deutschen Bank zum Ende des dritten Quartals 2,06 Billionen Euro; zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug 2007 2,4 Billionen Euro. Das Bruttovolumen des Derivateportefeuilles der Deutschen Bank betrug Ende 2007 sogar astronomische 47 Billionen Euro.

Zwar bezifferte die Bank den Nettomarktwert des Portefeuilles auf „nur“ minus 5,3 Milliarden Euro. Doch hat die Krise verdeutlicht, das das Kontrahentenrisiko, das sich eher am Bruttowert festmacht, im Derivategeschäft beträchtlich ist.

Die nach den Regeln der Bankaufsicht berechneten risikogewichteten Vermögenswerte betrugen Ende September 319 Milliarden Euro. Seit Ausbruch der Krise hat die Bank insgesamt 8,3 Milliarden Euro wertberichtigt, rund 2,6 Prozent der risikogewichteten Aktiva. Sie ist damit bislang vergleichsweise gut durch die Krise gekommen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bloomberg, F.A.Z.

NamePunkteProzent
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TecDax 535,78 -0,25
DowJones 9.015,10 +0,69
Nasdaq 1.652,38 +1,50
STOXX 50 2.578,43 +0,98
Nikkei 225 9.080,84 +0,42
S&P 500 Zert. 9,35 +1,08
Euro/Dollar 1,35 +0,19
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